Drama am Gewässerrand (Makrofotografie)

Ein Bericht von Peter Berlinghof

Titel | © Peter Berlinghof

Die ehemalige Panzerwaschanlage an der Alten Kölner Straße in der Wahner Heide ist vielen Naturfotografen als lohnendes Ziel bekannt. Auch ich fahre im Frühjahr und Sommer regelmäßig dorthin, um Amphibien, Reptilien und Insekten zu fotografieren. Kürzlich bot sich mir ein Schauspiel, das einerseits – zumindest für das betroffene Tier – grausam war, aber andererseits für den
Makrofotografen auch faszinierend. 

Um zu verhindern, dass übereifrige Passanten in das Wasserbecken der Panzerwaschanlage fallen, wurde davor eine stabile Absperrung aus dünnen Baumstämmen errichtet. Durch Zufall hatte ich die oben abgebildete Großlibelle entdeckt, die sich unter dem oberen Querbalken der Absperrung befand. Sie war erst kurz zuvor geschlüpft war und hing noch an ihrer Exuvie, der leeren Haut, die nach dem Schlüpfen zurückbleibt. Die Libelle war noch nicht völlig ausgehärtet und konnte daher nicht abfliegen. Während ich das Tier aus allen möglichen Perspektiven fotografierte, sah ich im Augenwinkel eine schnelle Bewegung auf der anderen Seite des Pfostens. Eine Kleinlibelle – vermutlich eine Azurjungferart – hatte sich in einem Spinnennetz verfangen, das mir zuvor noch nicht aufgefallen war. Eine Spaltenkreuzspinne (Nuctenea umbratica) eilte aus ihrem Versteck unter dem Querbalken zu ihrem Opfer und begann, dieses „transportfertig“ zu machen. In weniger als zwei Minuten hatte die Spinne die Libelle im wahrsten Sinne des Wortes „zusammengefaltet“ und in ihr Versteck transportiert (letztes Bild).

Zu Beginn der Sequenz war die Libelle noch deutlich zu erkennen, doch das änderte sich – wie oben beschrieben – recht schnell. Die ganze Aktion dauerte nicht einmal zwei Minuten!

Die Spaltenkreuzspinne gehört zur Familie der Echten Radnetzspinnen und ist in etwa so groß wie die bekannte Gartenkreuzspinne Die Männchen haben eine Körperlänge von 7 bis 10 Millimetern, die Weibchen sind 13 bis 16 Millimetern lang. Der Hinterleib ist im Gegensatz zu den meisten anderen mitteleuropäischen Vertretern der Familie in der Seitenansicht stark abgeflacht. Auf der Oberseite sind relativ sehr große, paarige Vertiefungen erkennbar, an denen im Körperinneren Muskeln ansetzen, mit denen die Spinne den Hinterkörper noch weiter abflachen kann (Bild 10). Die
Grundfärbung variiert von rotbraun bis schwarzbraun mit einer dunklen, gelblich bis gelbgrünlich eingefassten, blattförmigen Zeichnung.

Die Art kommt hauptsächlich in Europa sowie im westlichen Asien und in Nordafrika vor und bewohnt lichte Laub- und Mischwälder. Das Radnetz wird in mittlerer Höhe vor allem an alte Bäume gebaut, aber auch an Holzschuppen und Hauswände. Es ist mit 45 bis 70 Zentimeter Durchmesser recht groß. Die Nabe des Netzes liegt außerhalb der Mitte und ist meist deutlich zum Versteck der Spinne hin verschoben. Tagsüber versteckt die Spinne sich unter loser Baumrinde oder in Rindenspalten, an Gebäuden auch in Mauerritzen oder wie hier unter dem oberen Querbalken der  Absperrung, nachts sitzt sie im Zentrum des Netzes.